Artikel richtig kritisch lesen

Wenn wir uns mit psychologischen Themen beschäftigen und uns über sie informieren wollen, greifen wir oftmals nicht zur Original Literatur. Es macht manchmal einfach mehr Spaß, wenn uns Autoren ein komplexes Thema zusammenfassen und wir es in einfacher Sprache, ohne Fachjargon, lesen können. Wir greifen also zu Online Artikeln, Zeitschriften oder Veröffentlichung von Unternehmen um uns über den neusten Stand der Wissenschaft zu informieren.
Schon in der Schule hat man uns nahe gelegt, immer kritisch zu denken und auch jetzt bleibt dieser Apell bestehen. Wir dürfen nicht alles glauben, was uns die Autoren dieser Welt weismachen wollen.
Oftmals aus Unwissen oder sogar aus eigennützigen Intentionen werden Erkenntnisse auf wissenschaftlichen Studien völlig fehlerhaft und schlichtweg unwahr wiedergegeben. Wir sollten also immer kritisch lesen und nicht alles glauben was schwarz auf weiß auf dem Papier steht.

Ich möchte euch gerne dabei helfen kritisch zu lesen und stelle euch deshalb eine Liste mit den Top Regeln zum kritischen Lesen zusammen:

1. Lies viel! Niemals nur einen Artikel.
Wenn man sich über ein Thema der Psychologie informieren möchte kommt man nicht drum rum sehr viel zu lesen. Die Wissenschaft ist sich sehr selten über ein Thema einig. Unterschiedliche Erkenntnisse aus Studien führen also zu unterschiedlichen Artikeln. Um ein gutes Bild des aktuellen Wissenstands zu bekommen, müssen wir das Thema immer aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Je mehr wir lesen, desto besser verstehen wir etwas.

2. Erwarte nie eine absolute Wahrheit.
Ich habe schon im ersten Punkt gesagt, dass sich die Wissenschaft selten komplett einig ist, wenn es um psychologische Themen geht. Unser Verhalten, Denken und Fühlen ist so komplex, dass man es niemals vollkommen verstehen kann. Man darf nicht nach der ultimativen Wahrheit suchen, da wir sie oftmals nicht kennen können. Viele Artikel widersprechen sich, sind aber trotzdem an sich nicht falsch. Wir wissen vielleicht schlichtweg noch zu wenig, um das große Ganze rundum das Thema zu verstehen.

3. Traue niemals schlecht ausgeführten Studien.
Aber was macht ein gute Studie aus?

Die Stichprobe
Eine gute Studie wählt seine Versuchspersonen zufällig aus. Um eine gute Stichprobe zu testen, müssen Versuchspersonen zufällig ausgewählt werden. Wenn man beispielsweise eine gesamte Schulklasse in der Studie rekrutiert, nimmt eine sehr homogene Gruppe an unserer Studie teil. Die Personen haben das gleiche Altern, den gleichen Wohnort, viele der äußeren Faktoren, wie z.B. der Klassenlehrer sind gleich und sie haben die gleiche Peer group. Wenn man die Ergebnisse seiner Studie nur auf diese kleine Gruppe beziehen will, gibt es kein Problem. Will man allerding etwas über alle Jugendlichen herausfinden, ist die Stichprobe in diesem Beispiel nicht repräsentativ.

Die Testabnahme
Zudem ist es wichtig, dass man hinterfragt wie die Versuchspersonen getestet wurden. Man muss sich immer überlegen, ob es vielleicht Faktoren gibt, die das Ergebnis der Studie beeinflusst haben. Wenn man beispielsweise die Schüler in dem obigen Beispiel nach einem brisanten Thema wie Drogenkonsum befragt hat, ist es durchaus wichtig, dass die Versuchspersonen absolut anonym antworten konnten. Wenn die Schüler in einem Gruppengespräch erzählen müssen, ob sie Drogen konsumieren, würden sicherlich viele Schüler lieber lügen, als sich negativen Konsequenzen von Lehrern und Eltern zu stellen.

Konstante Umweltfaktoren
Ein gutes Experiment hält Umweltfaktoren konstant. Das heißt, dass alle Befragten oder Getesteten unter denselben Umständen an der Studie teilnehmen. Man verhindert so, dass Unterschiede in Gruppen entstehen, die es normalerweise nicht geben würden und nur durch unterschiedliche äußere Umstände beobachtet werden.

Es gibt noch mehr Beurteilungsfaktoren für eine gute Studie, aber ich finde diese drei reichen vorerst, weil sie am wichtigsten sind.

4. Sei besonders kritisch, wenn der Auftragsgeber der Studie eine offensichtliche Intention verfolgt.
Man stelle sich ein Unternehmen vor, das Software verkauft, die es Minderjährigen durch eine Online Sperre erschweren soll auf Internetseiten mit pornografischen Inhalten zu kommen.
Dieses Unternehmen veröffentlicht höchst bedenkliche Zahlen über den Besuch dieser Seiten von Minderjährigen, die Erziehungsberechtigte in Alarmbereitschaft versetzt und zum Handeln motivieren soll ihre Kinder zu schützen. Es ist deutlich, dass dieses Unternehmen Zahlen veröffentlicht, die einhergehen mit der Intention ihre Software zu verkaufen. Ohne allen Unternehmen dieser Welt etwas unterstellen zu wollen, würde ich dennoch nicht alles glauben, was mir in diesem Fall erzählt wird. Unternehmen müssen nicht direkt lügen, um Zahlen zu ihren Zwecken zu schönen. So gibt es keine genaue Definition was ein pornographischer Inhalt im Internet ist und was nicht. Das obige fiktive Unternehmen kann also höhere Zahlen veröffentlichen, wenn die Definition von pornografischen Inhalten auch schon Bilder halb nackte Frauen einbezieht. Was also pornographisch ist, lässt sich zu seinen eigenen Zwecken leicht verzerren. Studien, die eine offensichtliche Intention verfolgen, sollten man also nie einfach so glauben.

5. Haben genug Versuchspersonen teilgenommen?
Einfach aber wichtig. Wie groß ist die Stichprobe der Studie. Studien mit einer sehr kleinen Anzahl von Teilnehmern, können kein besonders repräsentatives Ergebnis beinhalten.

6. Pass auf, wenn von Einflüssen gesprochen wird.
Es gibt unterschiedliche Formen von Studien. So macht man einen Unterschied zwischen korrelationellen Studien und experimentellen Studien. Korrelationelle Studien beschäftigen sich mit dem Zusammenhang von Variablen. Man testet zum Beispiel den Zusammenhang zwischen Eis essen und der Anzahl von Ertrunkenen pro Jahr. Es scheint tatsächlich einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen zu geben. Die eine Variable steigt mit der anderen. Heißt das jetzt, dass Eis essen dazu führt, dass man schneller ertrinkt? Nein, denn korrelationelle Studien beschreiben niemals Einflüsse oder kausale Ketten, sondern immer nur Zusammenhänge. So ist es tatsächliche so, dass Menschen nicht schneller ertrinken, wenn sie Eis essen. Menschen gehen nur im Sommer öfter schwimmen und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ertrinken. Zudem essen Menschen im Sommer mehr Eis. Die beiden Faktoren steigen also zusammen, stehen aber in keinerlei kausalem Zusammenhang zueinander.
Experimentelle Studie beschäftigen sich mit kausalen Zusammenhängen und sind deutlich schwieriger auszuführen. Man muss alle äußeren Umstände konstant halten und sicher sein, dass es keine Faktoren gibt, die unbemerkt Einfluss auf mein Experiment nehmen können. Zudem brauche ich immer 2 Gruppen. Eine experimentelle Gruppe und eine Kontrollgruppe. Um es direkt an einem Bespiel zu erklären. Es wurde ein neues Medikament zur Bekämpfung von Schlafstörungen entwickelt. Ich gebe dieses Medikament meiner experimentellen Gruppe. Die Kontrollgruppe bekommt auch eine Pille, aber einen Placebo ohne Wirkstoff. So ähneln sich beide Gruppe so gut wie möglich: sie nehmen beide eine Pille und wissen natürlich nicht ob sie das echte Medikament oder einen Placebo bekommen. So kann ich die mögliche Verbesserung des Schlafs in der experimentellen Gruppe dem Medikament zuschreiben, wenn die Kontrollgruppe keine Verbesserung zeigt.
Also glaube niemals einfach so, dass ein Faktor den anderen beeinflusst hat. Es könnte sich auch nur um einen Zusammenhang handeln. Das ist ein großer und wichtiger Unterschied. Stelle dir vor, dass eine Studie feststellt, dass Fernsehschauen depressiv macht. Niemand würde mehr fernsehen wollen. In Wirklichkeit könnte es aber auch sein, dass Menschen, die depressiv sind, öfter alleine zuhause bleiben und sich durch Fernsehschauen ablenken wollen. Die Depressivität nimmt dann gleichzeitig mit dem Fernsehen zu, aber die beiden Faktoren stehen in keinem kausalen Zusammenhang zueinander.

Mit diesen Regeln habt ihr einen Überblick über die wichtigsten Dinge, auf die ihr beim Lesen von Artikeln achten solltet. Er ist sehr grob, aber ich hoffe die Regeln erleichtern euch alle Artikel, die ihr in Zukunft lesen werdet, kritischer zu betrachten.

4 Comments

  • […] noch eine, und noch eine und noch eine… Sie merken es, ich bin nicht unbedingt ein Fan von so genannten Studien. Darum, ich gebe es schon jetzt zu, stammt die im Titel erwähnte “Frechmut-Studie” […]

    • Reply February 24, 2014

      Diana

      … interessanter Artikel!
      Danke für den Link.

  • Reply February 11, 2014

    Henner

    Ein wunderbarer Artikel, vielen Dank! Auch im HR-Bereich gibt es viele Studien, die leider viel zu selten hinterfragt werden. Alle schauen nur auf die Ergebnisse, ohne jedoch die Zusammenhänge im Blick zu haben und sich wirklich über das Studiendesign zu informieren. Hier mag dieser Artikel weiterhelfen, den ich gerne weiterempfehle!
    Schöne Grüße
    Henner

    • Reply February 24, 2014

      Diana

      Hallo Henner,
      vielen Dank! Ich freue mich, dass dir der Artikel gefällt.
      Ich denke auch, dass es im HR Bereich wichtig ist seinen Blick nicht nur auf einen p-Wert zu richten sondern das ganze Design unter die Lupe zu nehmen, schließlich haben Studien oftmals wichtige Auswirkungen.
      Beste Grüße
      Diana

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